Verschwörungserzählungen über George Soros
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Über diesen Inhalt
George Soros ist eine politisch einflussreiche Person. Er ist Investor, Milliardär und Gründer der Open Society Foundations, die weltweit Projekte und Organisationen unter anderem in den Bereichen Demokratie, Menschenrechte, Bildung und Zivilgesellschaft fördern. Seine politischen Positionen und die Aktivitäten seiner Stiftungen werden kontrovers diskutiert.
Nicht jede Kritik an George Soros ist antisemitisch. Es ist legitim, über den politischen Einfluss von Milliardären, über die Finanzierung politischer und zivilgesellschaftlicher Organisationen oder über konkrete Entscheidungen und Positionen von Soros und seinen Stiftungen zu diskutieren.
Problematisch wird es dort, wo aus konkreter Kritik eine Verschwörungserzählung wird.
Vom einflussreichen Akteur zum „geheimen Drahtzieher“
In antisemitischen Verschwörungserzählungen erscheint Soros nicht mehr als einzelner politischer Akteur mit bestimmten Interessen und begrenztem Einfluss. Stattdessen wird er zum angeblich allmächtigen Strippenzieher stilisiert, der Regierungen, Medien, Migration, Protestbewegungen oder ganze Gesellschaften im Hintergrund steuere.
Dabei werden unterschiedlichste politische Entwicklungen miteinander verbunden und auf einen einzigen geheimen Urheber zurückgeführt. Komplexe gesellschaftliche Prozesse erscheinen plötzlich als Ergebnis eines zentral gesteuerten Plans.
Für diese Vorstellung gibt es keine Belege. Dass Soros über erhebliche finanzielle Ressourcen verfügt und mit seinen Stiftungen politische und gesellschaftliche Projekte unterstützt, bedeutet nicht, dass er Ereignisse nach Belieben kontrollieren oder Regierungen und Gesellschaften aus dem Hintergrund steuern kann.
Ein altes antisemitisches Muster
Besonders deutlich wird der antisemitische Charakter solcher Erzählungen, wenn Soros’ jüdische Herkunft zum Bestandteil der angeblichen Erklärung gemacht wird.
Das Bild des mächtigen Juden, der im Verborgenen die Fäden zieht, gehört zu den ältesten und wirkungsmächtigsten antisemitischen Verschwörungsvorstellungen. Bereits im 19. und 20. Jahrhundert wurden Jüdinnen und Juden als geheime Macht dargestellt, die angeblich Politik, Wirtschaft, Medien oder internationale Ereignisse kontrolliere. Die „Protokolle der Weisen von Zion“, eine Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitete antisemitische Fälschung, konstruierten beispielsweise die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung. Auch die nationalsozialistische Propaganda griff das Bild einer angeblich jüdischen Kontrolle über Politik, Wirtschaft und internationale Entwicklungen auf.
Die heutige Figur des „Soros“ kann an dieses alte Muster anschließen: Aus einem einzelnen jüdischen Milliardär wird in der Erzählung ein Symbol für eine vermeintlich geheime jüdische Macht.
Wenn „Soros“ zum Codewort wird
Nicht jede Erwähnung von Soros ist antisemitisch. Entscheidend ist, welche Behauptung damit verbunden wird. Wer beispielsweise die Finanzierung einer bestimmten Organisation durch eine Soros-Stiftung kritisiert, kann dies konkret und überprüfbar tun: Welche Organisation erhielt Geld? Wie viel? Wofür wurde es verwendet? Welche politischen Ziele werden verfolgt?
Anders funktioniert die Verschwörungserzählung: „Soros“ wird zum Erklärungsmuster für Entwicklungen, die eigentlich unterschiedliche Ursachen haben. Migration, politische Proteste, gesellschaftlicher Wandel, Wahlen oder internationale Konflikte werden als Bestandteile eines angeblich zentral gesteuerten Plans dargestellt.
Besonders deutlich wird die antisemitische Struktur, wenn dabei von „den Juden“, „jüdischen Eliten“, „globalistischen Juden“ oder einer angeblichen jüdischen Kontrolle die Rede ist. Dann geht es nicht mehr um die Handlungen einer konkreten Person, sondern um das Phantasma einer geheimen jüdischen Macht.
Kritik braucht keine Verschwörung
Gerade weil Soros über erheblichen Reichtum und politischen Einfluss verfügt, ist sachliche Kritik möglich und sinnvoll. Man kann fragen, ob der politische Einfluss von Milliardären demokratisch legitim und wünschenswert ist. Man kann die Ziele und Methoden seiner Stiftungen hinterfragen oder einzelne Förderentscheidungen kritisieren. Solche Kritik sollte sich jedoch auf überprüfbare Handlungen, Interessen und Zusammenhänge beziehen.
Eine Verschwörungserzählung funktioniert anders: Sie ersetzt Belege durch Vermutungen, verbindet voneinander unabhängige Ereignisse und macht aus einem einflussreichen Menschen einen allmächtigen Drahtzieher.
Der alte „Strippenzieher“ im neuen Gewand
Die Erzählungen über George Soros sind deshalb besonders anschlussfähig an Antisemitismus, weil sie ein sehr altes Feindbild aktualisieren: den Juden als geheimen Strippenzieher, der hinter den sichtbaren Ereignissen steht und eine vermeintlich natürliche oder gesellschaftliche Ordnung von außen manipuliert.
Dabei kann Soros zugleich für sehr unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Entwicklungen verantwortlich gemacht werden. Gerade diese Beliebigkeit ist typisch für Verschwörungserzählungen: Was auch immer geschieht, lässt sich scheinbar als weiterer Beleg für den geheimen Plan deuten.
Die richtige Antwort darauf ist nicht, Kritik an Soros grundsätzlich abzuwehren. Sie besteht darin, zwischen belegbarer Kritik und antisemitischer Verschwörungserzählung zu unterscheiden. Einfluss, Macht und politische Entscheidungen sind kritisierbar. Aber die Vorstellung einer geheimen jüdischen Macht, die im Hintergrund die Welt steuert, ist keine politische Analyse. Sie ist ein antisemitisches Verschwörungsbild.
Zum Weiterlesen:
Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit: „Antisemitische Verschwörungstheorien“
Der Beitrag beschreibt George Soros ausdrücklich als aktuelle „Projektionsfigur“ antisemitischer Verschwörungserzählungen. Er zeigt, wie ältere Stereotype über jüdische Finanzmacht mit Erzählungen über Migration und gesellschaftliche Kontrolle verbunden werden.
Bundeszentrale für politische Bildung / Pia Lamberty: „Antisemitismus und Verschwörungserzählungen“ (2020)
Der Beitrag widmet George Soros einen eigenen Abschnitt und zeigt, wie er in unterschiedlichen politischen Milieus zum angeblichen Drahtzieher von Revolutionen, Migration und einer „Neuen Weltordnung“ gemacht wird. Besonders deutlich wird dabei die Verbindung zu älteren antisemitischen Vorstellungen einer verborgenen jüdischen Macht.
Bundeszentrale für politische Bildung / Dr. Nadja Kutscher: „Die Erzählung vom ‚großen Austausch‘“ (2024)
Hier wird George Soros als wiederkehrender Akteur in der Verschwörungserzählung vom „Großen Austausch“ behandelt. Der Beitrag zeigt, wie ihm die Steuerung von Migration und eine gezielte Veränderung europäischer Gesellschaften zugeschrieben wird.
Gensing, Patrick: „George Soros – der Antichrist“. In: Fakten gegen Fake News oder Der Kampf um die Demokratie. (2019)
Eine journalistische Analyse der zahlreichen Verschwörungserzählungen rund um Soros. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie aus einem real einflussreichen Milliardär ein allmächtiger „Strippenzieher“ konstruiert wird und warum Soros dabei besonders häufig zum Feindbild wird.
Landesamt für Verfassungsschutz Berlin: Antisemitismus im rechtsextremistischen Spektrum Berlins (2020)
Die Broschüre dokumentiert, wie George Soros in der rechtsextremistischen Propaganda als angeblicher Drahtzieher von Migration und einer „jüdischen Verschwörung“ dargestellt wird. Sie ist besonders interessant für die Frage, wie Soros als Chiffre für eine vermeintliche jüdische Macht eingesetzt wird.
Tagesschau / Faktenfinder: „Antisemitismus: Neue Gefahr durch alte Mythen“ (2022)
Der Beitrag zeigt anhand von George Soros, wie das klassische Motiv einer kleinen Gruppe mächtiger Verschwörer auf aktuelle politische Konflikte übertragen wird. Soros erscheint dabei als vermeintlicher Drahtzieher hinter Migration und gesellschaftlichen Veränderungen.
Tagesschau / Faktenfinder: „Soros-Verschwörung als Staatsräson“ (2019)
Der Faktenfinder der tagesschau zeigt am Beispiel Ungarns, wie George Soros zum zentralen Feindbild einer politischen Verschwörungserzählung gemacht wurde und welche falschen Behauptungen dabei verbreitet werden.
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Hier zeigt sich die Nähe zu antisemitischen Verschwörungsmustern: Die Vorstellung eines reichen, mächtigen Juden, der im Hintergrund die Geschicke der Welt lenkt, greift ein jahrhundertealtes Feindbild auf und passt es an moderne Themen an.
Wo das Feindbild feststeht, werden Fakten nicht geprüft – sie werden passend gemacht. Genau deshalb können sich Verschwörungserzählungen auch dann halten, wenn ihre Aussagen sich gegenseitig widersprechen: Nicht die Realität bestimmt die Erzählung, sondern die Erzählung bestimmt, wie die Realität interpretiert wird.
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