Verschwörungserzählungen über "Kriegstreiber"
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Gerade in Kriegs- und Krisenzeiten haben antisemitische Erzählungen unter dem Schlagwort "Kriegstreiber" Konjunktur. Sie liefern einfache Schuldige für komplexe Ereignisse und befeuern antisemitische Feindbilder.
Das ist allerdings keine Analyse, sondern ein klassischer antisemitischer Verschwörungsmythos.
Der Vorwurf, Jüdinnen und Juden seien „Kriegstreiber“ oder würden Kriege aus eigennützigen Gründen fördern, gehört zu den ältesten und zugleich anpassungsfähigsten antisemitischen Erzählmustern. Er verbindet ein reales menschliches Bedürfnis – die Sehnsucht nach Frieden und die Ablehnung von Gewalt – mit einem alten Verschwörungsbild: der Vorstellung, eine geheime jüdische Macht steuere politische Entscheidungen, Konflikte oder ganze Staaten im eigenen Interesse.
Dabei funktioniert dieses Narrativ besonders perfide, weil es an ein moralisch positives Anliegen anknüpft. Wer gegen Krieg ist, möchte Leid verhindern und Frieden sichern. Antisemitische Erzählungen greifen genau dieses Anliegen auf, verschieben aber die Verantwortung: Nicht konkrete politische Entscheidungen, Interessen oder Konflikte werden analysiert, sondern Jüdinnen und Juden oder Israel werden als angebliche Ursache von Kriegen dargestellt.
Eine Geschichte der Verfolgung – und die Umkehrung der Täter-Opfer-Rolle
Die Geschichte jüdischer Gemeinschaften ist seit Jahrhunderten von wiederkehrender Ausgrenzung, Entrechtung, Vertreibung und Gewalt geprägt. Jüdinnen und Juden wurden in vielen Regionen Europas und des Nahen Ostens verfolgt, aus Städten und Ländern vertrieben, Opfer von Pogromen und Massakern und schließlich im Holocaust systematisch ermordet. Antisemitismus war dabei häufig nicht nur ein Vorurteil, sondern diente als Rechtfertigung für konkrete Gewalt.
Trotz dieser jahrhundertelangen Erfahrung von Bedrohung und Verfolgung wird Jüdinnen und Juden in antisemitischen Erzählungen häufig das Gegenteil zugeschrieben: Ihnen wird eine angeblich „aggressive“ oder „gewalttätige“ Wesensart unterstellt. Besonders zynisch ist dabei die Umkehrung: Der Versuch von Jüdinnen und Juden, sich gegen Verfolgung zu schützen oder politische Sicherheit zu organisieren, wird von Antisemiten nicht als Reaktion auf historische Erfahrungen verstanden, sondern als Ausdruck einer vermeintlichen angeborenen Angriffslust dargestellt.
Dieses Muster findet sich auch in der Behauptung wieder, Israel oder Jüdinnen und Juden würden grundsätzlich Konflikte suchen oder Kriege fördern. Die tatsächliche Geschichte von Bedrohung und Gewalt gegen jüdische Menschen wird dabei ausgeblendet – und aus Opfern werden in der antisemitischen Erzählung vermeintliche Täter gemacht.
Historische Wurzeln der „Kriegstreiber“-Erzählung
Das Bild der Jüdinnen und Juden als vermeintliche Drahtzieher von Konflikten entwickelte sich besonders im modernen Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Verschwörungserzählungen behaupteten, Juden würden internationale Politik, Wirtschaft oder Medien kontrollieren und Kriege im Verborgenen steuern.
Besonders die nationalsozialistische Propaganda nutzte dieses Motiv. Sie stellte Jüdinnen und Juden gleichzeitig als Verantwortliche für gegensätzliche Entwicklungen dar: als angebliche Auslöser von Kapitalismus und Kommunismus, von Krieg und Niederlage. Die Widersprüchlichkeit dieser Behauptungen spielte dabei keine Rolle – entscheidend war die Konstruktion eines allmächtigen Feindbildes.
Nach 1945 verschwanden solche Vorstellungen nicht, sondern passten sich neuen politischen Situationen an. Heute richten sie sich häufig gegen Israel und verbinden politische Konflikte mit klassischen antisemitischen Vorstellungen über jüdische Macht und Kontrolle.
Israelkritik und antisemitische Zuschreibung
Kritik an der israelischen Regierung, an militärischen Entscheidungen oder an konkreten politischen Maßnahmen ist grundsätzlich Teil demokratischer Debatten. Sie wird dann antisemitisch, wenn sie nicht mehr konkrete Handlungen kritisiert, sondern Israel oder Jüdinnen und Juden pauschal Eigenschaften zuschreibt – etwa die Behauptung, sie seien grundsätzlich kriegerisch, manipulativ oder verantwortlich für Konflikte weltweit.
Aktuelle Beispiele zeigen, wie dieses Muster funktioniert. Im Zusammenhang mit dem Krieg in Gaza nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 wurden weltweit legitime Diskussionen über zivile Opfer, militärisches Vorgehen und politische Verantwortung geführt. Gleichzeitig verbreiteten sich antisemitische Erzählungen, in denen Israel nicht nur für konkrete Entscheidungen kritisiert wurde, sondern als grundsätzlich kriegstreibende Kraft dargestellt oder mit Verschwörungsvorstellungen über eine angebliche Kontrolle internationaler Politik verbunden wurde.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob über politische Akteure und Entscheidungen gesprochen wird – oder ob einer gesamten Gruppe eine vermeintliche kollektive Schuld zugeschrieben wird.
Das perfide Dilemma der Erzählung
Die besondere Wirkung des „Kriegstreiber“-Vorwurfs liegt darin, dass er eine moralische Falle erzeugt. Wer die antisemitische Behauptung zurückweist, kann schnell so dargestellt werden, als unterstütze er Krieg oder stelle sich gegen Frieden. Dadurch wird die notwendige Kritik an Antisemitismus fälschlich mit einer Zustimmung zu Gewalt gleichgesetzt.
Dabei ist die Realität differenzierter: Man kann gleichzeitig Krieg ablehnen, zivile Opfer beklagen, Menschenrechte verteidigen und politische Entscheidungen kritisieren – und trotzdem antisemitische Schuldzuweisungen zurückweisen. Frieden bedeutet nicht, einer Gruppe die Verantwortung für komplexe Konflikte zuzuschreiben.
Gerade darin liegt die Gefahr dieser Erzählung: Sie tarnt ein altes Feindbild als Friedensargument. Statt nach konkreten Ursachen, politischen Entscheidungen und Verantwortlichkeiten zu fragen, bietet sie eine einfache Erklärung an – die Vorstellung einer verborgenen Gruppe, die für Konflikte verantwortlich sei. Diese Denkweise ist nicht nur historisch falsch, sondern reproduziert ein Muster, das über Jahrhunderte immer wieder zur Rechtfertigung von Ausgrenzung und Gewalt gegen Jüdinnen und Juden beigetragen hat.
Zum Weiterlesen:
Einordnung des Senders AUF1, der den Aufhänger für das Video geliefert hat, vom Tagesschau-Faktenfinder: Sender AUF1Desinformationen ohne Lizenz?
Thomas von der Osten-Sacken: Antisemitismus als Friedensbewegung, Jungle World vom 27.10.2023
Erklärungen zum Hashtag "Kriegstreiber" als digitalem Kampfbegriff: #Kriegstreiber: Wie ein Hashtag Propaganda streut bei HateAid
Grigat, Stephan/Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober.
Rabinovici, Doron/ Speck, Ulrich (Hg.): Nach dem 7. Oktober. Essays über Israel, Antisemitismus und die Debatte um den Nahostkonflikt (2024)
ISF: Die neue Friedensbewegung: etablierte Verbändepolitik oder antimilitaristische Opposition? Zur Entwicklung, dem Politikverständnis und zur sozialen Zusammensetzung der Friedensbewegung. In: ISF (1984): Frieden – je näher man hinschaut desto fremder schaut es zurück. Zur Kritik einer deutschen Friedensbewegung. Freiburg: ça ira – Verlag.
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Hier findest du die klassischen antisemitischen Verschwörungsmythen, auf denen diese Erzählung aufbaut.

